Auf der türkischen Seite gibt es eine längere Auseinandersetzung. Die Beamtin vom Zoll will das Carnet de Passage abstempeln, was wir verweigern, weil in der Türkei keine Carnet-Pflicht ist. Daraufhin sollen wir 300 US$ Kaution hinterlegen. Das wollen wir natürlich erst recht nicht. Von solchen Forderungen haben wir noch nie gehört und bei der Einreise von Griechenland aus hat auch niemand derartiges verlangt. Im Laufe der Diskussion kommen andere Beamte dazu und am Ende bezahlen wir dann 6,5 Mio türkische Lira (= ca. 13,– DM) für ein Zolldokument, mit dem wir bestätigen, dass wir unser Fahrzeug wieder ausführen. Kurioserweise kümmert sich niemand um das Motorrad, das können wir einfach so mitnehmen.

Mit Blick auf den großen und kleinen Ararat fahren wir nach Dogubayazit, um wieder auf dem Campingplatz unterhalb des Ishak-Pascha-Palastes zu übernachten.
Bei der Weiterfahrt in Richtung Van-See sehen wir unzählige Schafhirten, die ihre Herden durch die karge Landschaft treiben. An der Stelle, wo die Straße zu einem 2600 m hohen Paß ansteigt, treffen wir auf Kinder, die uns Steine hinterherwerfen, einmal sogar mit einer Wurfschleuder. Wir haben Glück, dass uns niemand trifft.

Der Van-See (fast sieben mal so groß wie der Bodensee) liegt in einer kahlen Berglandschaft in Ostanatolien. Aufgrund eines früheren Vulkanausbruches wurde der Abfluß des Sees verschüttet. Dadurch setzte ein Versalzungsprozeß ein, der fast kein organisches Leben im Wasser zuläßt. Lediglich an den Flußzuläufen gibt es Fische. Bei einem Spaziergang am Seeufer entlang fassen wir in das sodahaltige Wasser, das sich richtig seifig anfühlt.

Die Straße führt eine Weile am See entlang und wir haben schöne Ausblicke auch auf die dahinterliegenden Berge, auf denen noch Schnee liegt.

Am Atatürk-Stausee, der den längsten Fluß der Türkei aufstaut, den Euphrat, leuchtet uns das Wasser smaragdgrün entgegen. Für die Mittagspause finden wir einen schönen, ruhigen Aussichtspunkt, direkt neben einem Friedhof. Im Gegensatz zu unseren Friedhöfen sind sie hier nicht eingezäunt. Die Gräber sind auch nicht in Reih und Glied ausgerichtet, für uns sieht es vielmehr so aus, als ob sie willkürlich auf dem Areal verteilt werden.

Weltreise Etappe Landweg nach Indien

Den Stausee sehen wir später wieder, als wir auf dem in der Nähe gelegenen 2150 m hohen Nemrut Dagi sind. Von hier oben wirkt die Landschaft wie eine Reliefkarte mit ihren Bergen, Schluchten, Seen und dem weitverzweigten Stausee. Der eigentliche Grund für die Fahrt auf den Berg hinauf sind die Götterfiguren, die auf der Spitze eines künstlich aufgeschütteten Grabhügels stehen. Die mannshohen Köpfe der Statuen liegen am Boden, so ausgerichtet, als ob sie mit ihren steinernen Augen auf die Landschaft unter ihnen sehen könnten. Wir finden auf dem abschüssigen Gelände unterhalb des Monuments einen einigermaßen ebenen Platz zum Übernachten. Es weht ein eiskalter, heftiger Wind, der sich im Laufe der Nacht fast zu einem Sturm entwickelt und den Unimog leicht zum Schaukeln bringt.

Am nächsten Tag werden wir um halb vier wach, als die ersten Touristentransporter hinauffahren. Eine endlos erscheinende Kolonne von Fahrzeugen quält sich den steilen Hang hinauf. Wir überschlagen die Anzahl der Autos und rechnen aus, dass sich zum Sonnenaufgang so an die 400 Menschen oben befinden müßten. Wir sind mehr als froh, dass wir uns bereits am Vortag alles angeschaut haben, als gerade mal eine Handvoll Leute oben war.

Weltreise Etappe Landweg nach Indien - Sonja Nertinger

Auf dem kürzesten Weg fahren wir weiter an die Küste. Wir schauen uns mehrere Campingplätze an, bis wir in Kas einen Platz finden, auf dem es uns so gut gefällt, dass wir uns für eine Weile dort niederlassen. Wir verbringen eine herrliche Zeit. Der Campingplatz liegt am Ortsrand, es sind gerade mal 600 m in die Stadtmitte. Der Ort ist relativ klein und überschaubar. Die Versorgungsmöglichkeiten sind sehr gut, zusätzlich findet jeden Freitag ein großer Wochenmarkt statt.

Das Wasser hat eine angenehme Badetemperatur von 23 Grad. Jeder Tag ist sonnig und warm und wir sind rundum zufrieden. Nach dem Aufstehen gehen wir schwimmen, jeden zweiten Tag joggen wir und danach frühstücken wir gemütlich in der Sonne. Wir lesen viel, besonders nachdem wir uns von zuhause Post schicken haben lassen. Für Unterhaltung ist auch immer gesorgt. Wir haben nette Nachbarn auf dem Campingplatz und außerdem treffen wir verschiedene Leute wieder, die wir unterwegs kennengelernt haben. In unser Leben kehrt ein einigermaßen geregelter Tagesablauf ein. Dadurch erholen wir uns wieder von der zeitweise doch recht anstrengenden Reise.

Nach fast drei Wochen fahren wir weiter. Wir verlassen den Ort schweren Herzens, hier haben wir uns ausgesprochen wohl gefühlt. In zwei Tagen schaffen wir es bis an die türkisch-bulgarische Grenze. Die Ausreise aus der Türkei ist problemlos. Wir geben das Zolldokument für das Auto ab und bekommen einen Ausreisestempel.

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